Michael Schultz Daily News Nr. 718

Michael Schultz Daily News Nr. 718

Berlin, den 9. Juli 2014

Liebe Freunde,

um es vorwegzunehmen: nach dem die deutsche Mannschaft zur Halbzeit mit Fünf zu Null gegen Gastgeber Brasilien in Führung lag, konnte ich mich nach einem langen und arbeitsreichen Tag entspannt zur Ruhe legen. Dass es am Ende sogar noch ein 7:1 Sieg wurde, übertrifft alle Erwartungen. Ein Spiel voller Superlativen. Sogar den sonst so wortgewaltigen Kollegen von der 'Bild'-Zeitung hat's die Sprache verschlagen. Mit dem Aufmacher 'ohne Worte' titelt heute das Massenblatt, und eigentlich gibt es dazu wirklich nichts mehr zu sagen. 


Selbst Christo Redentor, die Erlöserfigur von Rio de Janeiro, kann die Schmach über die Niederlage des brasilianischen Teams nicht ertragen.

 

Sieben zu Eins; das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Mit der Spielfreude von gestern Nacht wird Deutschland Weltmeister. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Selbst die ehrgeizigen Holländer, sofern sie denn den Finaleinzug gegen Argentinien heute Abend schaffen, sind so keine Gegner für uns. Ein makelloses Fußballspiel, was es in dieser Qualität noch nie zu sehen gab. Voller Superlativen: Klose erklimmt mit seinem Treffer die ewige WM-Torschützenkrone; für Brasilien war dies die höchste WM-Niederlage; es war der höchste Halbfinalsieg in der WM-Historie; mit ihrer nunmehr achten Finalteilnahme ist die deutsche Nationalelf auch in diesem Segment Rekordhalter, und Thomas Müller erzielte mit dem 1:0 das zweitausendste Tor in unserer Länderspielgeschichte. Das einzig gute für die Brasilianer an dieser Niederlage ist, dass sie nicht nach Hause fahren müssen.

Vergessen sind die Matches gegen Algerien, Ghana, Frankreich und die USA. Wenn die Löw-Truppe auch nur annähernd mit dieser Spielfreude ins Finale geht, brauchen wir nichts zu befürchten. Die Schelte der vergangen Tage war berechtigt, genauso wie die überschwängliche Freude über das fulminante Spiel von gestern. 

Nach dem Aus der Brasilianer ist es in Sao Paulo zu Ausschreitungen gekommen. Es wurden an die 20 Busse angezündet und ein Geschäft mit Elektroartikeln gestürmt und ausgeplündert. Die wirklichen Fans allerdings ergaben sich in Demut und hoffen, dass ihr Team bei der nächsten WM in Russland den Titel holt.  

Am Rande der WM hat sich eine Räuberbande über ein brasilianisches Samsung-Werk in Campinas hergemacht. Die Täter hatten zunächst einige Angestellte der Fabrik gefangen genommen und deren Betriebsausweise gestohlen, dann wurden die Sicherheitsleute überwältigt, und nach drei Stunden verließ die Truppe die Fabrik mit Handys und PCs im Wert von umgerechnet 26 Millionen Euro.

Bevor die Begegnung gestern begonnen hatte, wurde der Pelé-Sohn Edinho von der Polizei zu Hause abgeholt, damit dieser seine Gefängnisstrafe absitzen kann. Drogenbesitz und Geldwäsche sind die Delikte, die ihm seit 2005 immer wieder nachgewiesen werden; jetzt muss er für ein knappes Jahr erneut in den Bau.

Im  Nahen Osten verschärfen sich unterdessen die Spannungen. Jerusalem und Tel Aviv stehen unter Raketenbeschuss, und die israelische Armee bombardiert den Gazastreifen. Dort sterben viele Menschen, darunter führende Hamas-Kämpfer. Die Israelis mobilisieren 40.000 Reservisten, der Konflikt weitet sich immer mehr aus.  Seit dem Beginn der israelischen Militäroffensive wurden im Gazastreifen mindestens 28 Menschen getötet. Die ganze Region ist in Aufruhr, von der Arabischen Liga wird eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrates gefordert. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu droht mit weiteren Militärschlägen, mit seiner Äußerung: 'die Schonzeit für Hamas sei vorbei' rechtfertigte er weitere kriegerische Attacken gegen Palästina.  Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnt vor einer Gewaltspirale. Für Reisen nach Israel hat das Auswärtige Amt seine Sicherheitshinweise verschärft.

Am 17. Juli feiert unsere Bundeskanzlerin ihren 60igsten Geburtstag. Ihr zu Ehren zeigt das Museum  'The Kennedys' in Berlin eine Sondershow des Fotografen Daniel Biskup, in der 60 Fotos seit Beginn ihrer Zeit als Bundeskanzlerin gezeigt werden. Begegnungen mit Wladimir Putin, Barack Obama und anderen Großfiguren der Zeitgeschichte werden darin zu sehen sein.

Für die Ruhrtriennale 2014 wurde an Gregor Schneider der Auftrag erteilt, für Duisburg eine Raumskulptur zu entwickeln. Er lieferte der Stadt einen Entwurf für eine Tunnelinstallation ab, deren Realisierung jetzt vom Bürgermeister abgelehnt wurde. Duisburg sei noch nicht reif für ein Kunstwerk, in dem Verwirrungs- und Paniksituationen immanent seien, so seine Begründung. Die Wunden der Todesfälle bei der Love Parade 2010 seien noch nicht geschlossen. Die Triennale - Initiatoren suchen nun nach einem anderen Ort wo das Kunstwerk aufgestellt werden kann.

Morgen Abend um 19 Uhr wird in den neunen Räumen der Münchner Terminus Galerie unter dem Titel 'Gleißendes Licht' eine Sommerausstellung mit Werken von Helge Leiberg eröffnet. Gezeigt werden vornehmlich aktuell entstandene Skulpturen, in denen Leiberg die konsequente Weiterentwicklung seines bildhauerischen Schaffens darlegt (Theatinerstraße 22, 80333 München, bis 31. August).

 
Auch das ist Kunst: ein futuristisch anmutender Flügel mit einer Sternenfee an der Tastatur. Kitsch in Perfektion - geboten im Interconti Hotel in Shenzen/China. Dass die Dame dabei das Spiel nicht ganz so perfekt beherrscht, dient und befördert den absoluten Kulturkick.

Gut möglich, dass die junge Dame bald in Dubai zum Einsatz kommt. Dort wird der Bau des weltweit größten Einkaufszentrums geplant. Auf über 743.000 Quadratmetern soll eine Shoppingmeile entstehen, die ihresgleichen sucht. Die ganze Anlage wird, wie kann es auch anders sein, auf eine erträgliche Temperatur heruntergekühlt. Das Angenehme an den Malls der Emirate war schon immer, dass man dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit den Objekten seiner Begierde nachjagen kann. Und wenn dann die Sheika mal zum shoppen geht, müssen alle männlichen Angestellten das Gebäude verlassen. Dann ist kaum noch jemand anwesend.  

In Seoul, um bei der musikalischen Unterhaltung zu bleiben, werden die Gäste des Großflughafens Incheon mit klassischer Musik auf höchstem Niveau versorgt. Mozart, Chopin und Beethoven kurz vor dem Abflug - angenehmer kann man ein Land kaum verlassen.

Bis morgen. Beste Grüße.

Michael