Michael Schultz Daily News Nr. 717

Michael Schultz Daily News Nr. 717

 

Berlin, den 8. Juli 2014

Liebe Freunde,

'Ganz Deutschland erwartet heute einen Sieg gegen Brasilien. Nach viermaligem Ausscheiden in Folge bei einem WM-Halbfinale wollen wir endlich ins Endspiel kommen'. Eine klare Ansage heute früh um fünf vor sechs im ARD-Frühstücksfernsehen. Viele sprechen von einem vorgezogenen Endspiel, und im Vergleich zur anderen Halbfinalbegegnung Argentinien gegen Holland ist da auch was Wahres dran. Sollten allerdings die Holländer ihr Spiel gewinnen und ins Finale kommen, dann wäre es wohl besser, wenn Deutschland heute verliert. Eine Niederlage gegen unsere Nachbarn und die Schmach darüber ist für die deutschen Fans schwerer zu ertragen als ein Ausscheiden im Halbfinale.

Doch, es kommt wie es kommt, Deutschland muss noch zwei Mal spielen, im großen wie im kleinen Finale können wir auf die Niederländer treffen. Nur wenn alles gut geht, bleibt uns das Team von Louis van Gaal erspart. Wir ärgern uns dann zwar weiterhin über die Wohnwagenkolonnen mit den gelben Nummernschildern, über die Belagerung unserer Rastplätze und über die unerträgliche Besserwisserei, doch unsere liebe zum Gouda und zum Matjes bleibt unverwüstlich. Alles kann geschehen, bloß kein Zusammentreffen mit den Oranjes. Van Gaal will das Turnier gewinnen, am liebsten im Endspiel gegen Deutschland.  Beide Halbfinal-Begegnungen haben also es in sich. 

Die Grenzen nach Holland wieder ein wenig schließen will der CSU Verkehrsminister Dobrindt. Gestern stellte er sein unausgegorenes Mautkonzept vor. Er  selbst scheint nicht richtig zu verstehen, was ihm seine Vordenker da auf den Tisch gelegt haben; so zumindest war der Eindruck auf der Pressekonferenz. Was auch immer im Jahre 2016 geschehen mag, die zuständige EU-Kommissarin hat die Prüfung auf europäische Gemeinverträglichkeit bereits angekündigt. Ausländische Autofahrer dürften in Deutschland nicht diskriminiert werden. Die Niederländer, Österreicher und andere Anrainerstaaten erwägen bereits eine Klage, und  CSU-Chef Seehofer erwartet von den Koalitionspartnern CDU (!) und SPD eine bedingungslose Zusage.  Dobrindt schloss eine Mehrbelastung für einheimische Autobesitzer aus. Die Vignette werde genauso automatisiert berechnet wie die Kfz-Steuer, über die die Autofahrer dann entlastet würden.  Offen zeigte sich der Verkehrsminister für Länderbeteiligung an den Mehreinnahmen. Die SPD reagierte zurückhaltend, sieht noch offene Fragen. Die Verkehrsexperten der Grünen nannten die Vorschläge unsinnig, ungerecht und ein nicht zu bewältigendes Bürokratiemonster. Nicht auszuschließen, dass man im Hause des Verkehrsministers ähnliche Bedenken hat. Der CSU geht es um die Einhaltung ihres Wahlversprechens, im Besonderen um das Generalthema ihres damaligen Generalsekretärs Dobrindt. Womöglich ein vorprogrammierter Rohrkrepierer.

Etwas mehr als 1000 Menschen kamen im vergangenen Jahr durch Konsum harter Drogen ums Leben. Ein Anstieg um 5%, dabei nicht mit eingerechnet sind die vielen Sterbefälle, die infolge von Alkohol- und Nikotinkonsum zu beklagen sind. Nur die ganz harten Drogen, die einen schnellen Tod garantieren, wurden gezählt. Dazu gehört auch die Modedroge Crystal Meth, die der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann über längere Zeit konsumiert haben soll. Ein angebliches Drogengeständnis hat er jetzt wieder dementiert; da ist gerade viel Unfug im Umlauf. Laut 'Mainzer Zeitung' habe Hartmann gestanden, eine sehr geringe Menge Crystal Meth genommen zu haben. Seine mutmaßliche Dealerin aus der Berliner Kleingartenkolonie Samoa schwieg vor Gericht; sie habe bereits bei der Polizei über ihre Kunden ausgesagt. Die Aufregung über diesen Fall bestätigt ein weiteres Mal, dass der Bundestag sich keinesfalls als Hort seines Volkes versteht; Mittelmaß ist angesagt. Alles was über den Tellerrand aus dem Querschnitt der Bevölkerung ragt, geht nicht. Im Spiegel des Mittelmaßes gehört parlamentarischer Alkoholismus zu den geschätzten Standards unserer Volksvertreter. Darüber aufgeregt hat sich noch niemand. 

Gestern begann vor dem Regensburger Landgericht das Wiederaufnahmeverfahren um Gustl Mollath. Gleich am ersten Verhandlungstag ist der 57-Jährige mit dem Antrag zur Ablehnung eines psychiatrischen Gutachtens gescheitert. Dieses hatte die Kammer angeordnet, und einen Psychiater als Prozessbeobachter bestellt. Dieser solle während des Verfahrens den psychischen Zustand des Angeklagten beobachten. Eine Zumutung, die er und seine Verteidigung nicht hinnehmen wollen. Mollath muss sich wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung verantworten. In einem ersten Verfahren wurde er wegen Schuldunfähigkeit freigesprochen und gegen seinen Willen für rund 7 Jahre in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Der Fall hatte den Glauben an die Justiz erschüttert.

Die Sitten in unserem Land sind mitunter recht hart: weil ein elfjähriger Junge keine Lust auf den Kirchgang mit seinen Eltern hatte, wurde er kurzerhand auf einem Parkplatz in der Nähe von Freiburg ausgesetzt. Zunächst glaubte der Junge noch, es handele sich um einen Scherz der Eltern, doch als beide losfuhren, wurde ihm der Ernst der Lage bewusst. Das ausgesetzte Kind wurde von der Polizei aufgegriffen und wieder in die Obhut der Rabeneltern übergeben. Was zu Hause mit dem Jungen geschah, ist nicht bekannt; die Gottesfrommen müssen nun mit einer Anzeige wegen Unterlassung der Fürsorgepflicht rechnen. 

Wer in diesen Tagen in die USA fliegen will, muss sorgsam darauf achten, dass kein Feuerzeug, keine Streichhölzer, aber auch keine elektronischen Geräte mit leeren Akkus im Gepäck sind. Wenn diese während der Kontrolle nicht eingeschaltet werden können, so die Befürchtung des US-Heimatschutzes, könnten diese als Bomben eingesetzt werden. Vor der Reise ins Land der  unbegrenzten Möglichkeiten also unbedingt vorher die Akkus laden.

Viel Spaß beim Fußball, und allerbeste Grüße an unsere niederländischen Mitleser.

Michael