Michael Schultz Daily News Nr. 716

Michael Schultz Daily News Nr. 716

Berlin, den 7. Juli 2014

Liebe Freunde,

trotz wohlvertrauter Umgebung nimmt sich das Ankommen in der Heimat kaum etwas von der Landung in der Ferne. Erstmal wird gefremdelt, doch dann sortiert und orientiert man sich, schüttelt sich kurz, und dann geht alles ganz schnell. Die vertraute Umgebung hat einen wieder. Beim Blick in den Fernseher wird festgestellt, dass sich die Nachrichtenlage kaum verändert hat; es geht um Edathy und die Maut; die Ukraine, um Israel, Syrien und den Irak; es sind die Themen wie vor der Abreise. Nur die Nuancierung ist ein wenig verschoben, sonst bleibt alles beim Alten. Wenn es denn die Fußball WM nicht gäbe, wäre dies ein Sommer der Langeweile. Irgendwann ebbt das Interesse an den noch vor einigen Wochen weltbewegenden Ereignissen ab; doch das liegt in der Natur der Dinge. Neue Schreckensmeldungen lösen bestehende ab, mit ihnen degeneriert sich unsere Sensibilität, der Horror wird zum Alltag.

Woanders in der Welt sind die Empfindlichkeiten anders justiert. Dort geht es um Existenzielles, um Hunger und Naturkatastrophen, um die Sorgen des Alltags, die im Focus der Nachrichtensendungen ausführlich thematisiert werden. Die Gewichte sind angenehm verlagert, und das erweckt Neugier und schafft Interesse für das Fremde.

In Asien werden bedeutende und politisch wichtige Themen in den Nachrichtensendungen nur kurz betrachtet, diesen widmen dort die Rundfunkanstalten Sondersendungen, die mitunter stundenlang gesendet werden. So auch dem derzeitigen Besuch unserer Kanzlerin, die zurzeit als Gast in China weilt. Jede noch so geringe Veränderung im Tonfall wird in den Specials minutenlang analysiert, um mögliche Konsequenzen aufzeichnen zu können.   Asiatisch höflich verzichtet die chinesische Presse auf Probleme, die die Kanzlerin zu Hause umgibt. Augenhöhe halten und jegliches Vermeiden von Gesichtsverlust ist das Credo asiatischer Gastfreundschaft. Umso erstaunlicher ist es, dass Angela Merkel heute früh auf einer Pressekonferenz wegen der neuerlichen US-Spionageaffäre ihre Sorgen im Umgang mit den USA angesprochen hat. In überraschender Deutlichkeit und Offenheit. Im kommunistischen China war dies nicht zu erwarten.

Vielleicht aber war dies einer ihrer klugen Schachzüge. Mit Ministerpräsident Li Keqiang und Staatspräsident Xi Jinping will sie über Menschenrechtsfragen sprechen auch über eine  Lockerung des absoluten Machtanspruchs der Kommunistischen Partei. Dazu benötigt sie Augenhöhe, und diese hat sie mit ihrer Offenheit zur Spionageaffäre des Bündnispartners USA geschaffen.

Auch bemüht sie sich um den Ausbau der Geschäfte und setze sich für einen Austausch auf gesellschaftlicher Ebene ein. Begleitet wird die Kanzlerin von einer Wirtschaftsdelegation; erwartet wird, dass Aufträge in Milliardenhöhe mit nach Hause gebracht werden.

Die Lufthansa steht einem Zeitungsbericht der FAZ zufolge vor einem engeren Bündnis mit Air China. Beide Unternehmen planen die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens, um künftig ihre Streckennetze und Flugpläne besser aufeinander abstimmen zu können. Die Kanzlerin wirbt darum, dass Handelshemmnisse von Seiten der Chinesen abgebaut werden und unserer Wirtschaft besseren Zugang zum Megamerkt der Chinesen ermöglicht werden. Ob bei diesem Mammutprogramm auch noch ein Satz zu Ai Weiwei fallen wird, der noch immer auf die Rückgabe seines Passes wartet, darf bezweifelt werden.

Bei uns zu Hause warnt der Verfassungsschutz deutsche Unternehmen vor einer wachsenden Zahl von Cyber-Angriffen aus China; Geheimdienste und Militär hätten deutsche Mittelständler und deren Produkte ins Visier genommen und betrieben massive Spionage. Themen, die eher in der zweiten und dritten Reihe ihrer Delegation angesprochen werden. Wenn sie morgen die Heimreise antritt, will und wird sie diplomatisch elegant verkünden, dass sich zwischen beiden Staaten nicht nur die Freundschaft sondern auf allen gesellschaftlichen Ebenen die Zusammenarbeitet verdichtet habe.

Zu Hause in Deutschland wird erstmals laut darüber nachgedacht, ob es jetzt nicht auch einmal an der Zeit sei, die Amerikaner von unseren Geheimen unter die Lupe nehmen zu lassen. Spionage im Herzen der Freunde.

In diesem Sinne mit besten Grüßen.

Michael