Michael Schultz Daily News Nr. 715

Michael Schultz Daily News Nr. 715

Hongkong, den 4. Juli 2014

Liebe Freunde,

von Shenzen nach Hongkong ist es ein Katzensprung. Mit dem Taxi dauert die Fahrt kaum länger als 30 Minuten. Die Reise führt über eine knapp fünf Kilometer lange Schrägseilbrücke, die landschaftlich ansehnlich über einen der vielen Arme des Perlfluss Deltas errichtet wurde. Die Nähe zum Zentrum des chinesischen Kunsthandels (ein Großteil der reichen Festland-Chinesen parken ihr Vermögen in Hongkong),  macht es heute möglich, ein kurzfristig organisiertes Meeting mit einer der bekanntesten chinesischen Sammlerinnen wahrzunehmen.

Obwohl keine der asiatischen Mannschaften im Fußball eine herausragende Rolle spielt, grassiert hier das Fußballfieber vergleichbar wie in  Südamerika. Viele Lokale im Stadtstaat locken mit Großbildschirmen die Fans in ihre Schankstuben; in den Hotels werden rund um Uhr sogenannte 'World Cup Snacks' angeboten und die Wettbüros offerieren auf Werbeplakaten mit extremen Gewinnen für die richtige Ergebnisvorhersage. Der Fußball beherrscht auch hier den Alltag. Es wird gewettet was das Zeug hält, nicht selten geht dabei so mancher Monatslohn drauf. Kleine Gewinne liebt man in Asien nicht - wenn schon denn schon. No Risk No Fun, mit diesem Motto verschmerzt man die Verluste. Wenn es ganz schlimm kommt, rettet der Sturz vom Hochhausdach vor dem befürchteten Ansehensverlust. Im Land der Spielsüchtigen ist dies der letzte Ausweg, für die Angehörigen ist der Freitod die Ehrrettung, und schützt vor Gesichtsverlust.

 
Die Nachricht, dass seine irdischen Tage gezählt sind und er kurz vor der himmlischen Empfängnis stehe, veranlasste einen chinesischen Geschäftsmann, seine gesamte Barschaft den Angestellten eines Hospitals zu überlassen. Eine späte Erkenntnis; zu Lebzeiten hätte er mit seinem Geld sich selbst viel Freude machen können. Nun freuen sich andere.

Reich zu sein und viel Geld zu besitzen, ist in China heutzutage nichts Ungewöhnliches. Wer dazugehören will, strebt nach Wohlstand, doch ohne politische Unterstützung allerdings ist dieser kaum möglich. Vielfach haben die Neureichen (besonders aus ländlichen Regionen) keine Ideen wie sie mit ihrem Vermögen umgehen können. Nicht selten werden Unmengen von Bargeld in ärmlichen Behausungen verwahrt. Wenn das Ende naht und keine Verwendung dafür gefunden wird, geschieht was auf dem Foto zu sehen ist: in Harbin, im Nordosten von China, warf ein dem Tod Geweihter den Ärzten sein Geld vor die Füße. Wenn er nicht mehr lebt, brauche er auch kein Geld.  Das Foto beherrschte heute die Schlagzeilen in ganz Asien.

Bei uns geht es heute im Fußball ums Ganze: ohne einen Sieg gegen die Franzosen können wir nicht Weltmeister werden. Wahre Worte aus dem Munde des Bundestrainers; tiefenentspannt blickt er der Begegnung entgegen und prophezeit eine klaren Sieg seiner Mannschaft. Ganz so easy allerdings sehen das die Experten nicht. Für Löw beginnen jetzt die Matches der Entscheidungen, dabei dürfte ihm auch klar sein, das es nicht nur um die aktuelle WM geht, sondern auch um seine Zukunft als Bundestrainer. Zwar lässt er sich nichts anmerken, doch allen Beteiligten ist klar, dass eine Niederlage heute auch das Ende der Ära Löw bedeutet. Alles anders wäre schädlich für die Zukunft des deutschen Fußballs. Mit Anstand hat der Coach der Italiener nach dem Vorrundenaus seinen Hut in den Ring geworfen; demnächst trainiert er die Club-Mannschaft von Galatasaray Istanbul.

Um gegen Frankreich bestehen zu können, bedarf es einer System- und Taktikkorrektur. Doch der Trainer will Lahm im Mittelfeld belassen; eine der größten Fehleinschätzungen im deutschen Fußball. Ohne echte Spitze zu spielen ebenso; keine wirklichen Flügelstürmer im Team, alles muss vom  Mittelfeld aus bedient werden. Keine Dribbler die eine Hintermannschaft schwindelig spielen. Einzig Neuer, Kroos und Schweinsteiger spielen auf WM-Niveau. Auch Thomas Müller gibt dem Spiel Impulse, indem er nicht vorhersehbare Wege geht. Er lauert dort auf die Bälle, wo man sie nicht vermutet. Unberechenbar für den Gegner taucht er im Strafraum auf, und nimmt so manchen Ball mit, der sich dort verirrt hat. Sein unberechenbares Instinktiv ist der Garant seiner Ausbeute. Im Vergleich mit Karim Benzema, dem Torjäger der Franzosen, bescheinigt man diesem ein wuchtiges und dynamisches Spiel, während die Spielweise von Müller mit 'Bauernschläue; Instinkt und Torriecher' beschrieben wird. Vermutlich können beide damit leben.

Die Tagesform der beiden Goalgetter kann heute Abend spielentscheidend sein. Wenn die deutsche Mannschaft sich nicht selbst im Weg steht, wie im Spiel gegen Albanien, ist alles drin. Besonders dann, wenn der Trainer das Spiel laufen lässt.

Alle wollen wir, dass unsere Mannschaft den World Cup mit nach Hause bringt. Was wir nicht wollen, ist eine lang andauernde Verteidigungsrede über das Glück was uns dazu verholfen hat. Viel Spaß beim Zuschauen. Aus gutem Grund schließen wir auch heute die Tore unserer Berliner Galerien bereits um 17.30 Uhr. 

Abseits des Fußballs eröffnet morgen das Kunstmuseum in Bochum unter dem Titel 'Addition der Gegenwart' eine sehenswerte Ausstellung. Gezeigt werden  figurativ narrative Positionen aktueller Kunst aus der Sammlung des Unternehmers Frank Hense. Dessen Sammlung umfasst rund 350 Werke, und eine Auswahl daraus wird ab morgen im Bochumer Museum präsentiert. Zu sehen sind auch einige Leinwände von Sabina Sakoh und Skulpturen von Feng Lu. Beide Künstler gehören zu den Schwerpunkten der Sammlung. (Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147, 44787 Bochum, Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag 10 - 17 Uhr, Mittwoch 10 - 20 Uhr, bis 24. August).

Im Westen und Süden des Landes sind für morgen Abend Unwetter vorhergesagt, diese können beim Fußballschauen für so manche Überraschung sorgen. Ab Samstag verlagert sich das ganze dann gen Osten.

Schönes Wochenende.

Michael