Michael Schultz Daily News Nr. 710

Michael Schultz Daily News Nr. 710

Berlin, den 27. Juni 2014

Liebe Freunde,

es ist geschafft: Deutschland hat die Vorrunde der WM als Gruppenbester überstanden. In einem Spiel, was nicht gerade als Werbung für den Fußball verstanden werden kann, wurde die USA mit 1:0 besiegt. Hauptsache weiter könnte man meinen, doch der Sieg alleine ist es nicht. Wir wollen mehr - wir wollen guten Fußball sehen, auch von unserer Mannschaft. Kein Zauber mit dem Ball, keine ästhetischen Dribblings, kaum Leidenschaft; nichts war zu sehen. Allenfalls einige wenige spielöffnende Vierzig-, Fünfzigmeterpässe von Schweinsteiger, aber der bewirbt sich ja auch um Vollbeschäftigung. Wir haben Ghana, Costa Rica aber auch Uruguay gesehen: ballverliebt und gut fürs Auge haben diese Teams die Vorrunde überstanden. Uns fehlt der Biss.

Sollte sich an der Spielauffassung nichts ändern, fliegen wir spätestens im Halbfinale raus. (Dort erwartet uns voraussichtlich Frankreich). Dem deutschen Team fehlt es an Individualisten, oder sie kommen wie Götze z.B. zu spät zum Einsatz. Dem Trainer, der einst angetreten ist den deutschen Fußball zu revolutionieren, sind entweder die Ideen ausgegangen oder der Mut hat ihn verlassen. Der abgewrackte Sicherheitsfußball gegen die USA erinnert an die Zeiten als  Rudi Völler Bundestrainer war, und das war wahrlich keine Ruhmesepoche des deutschen Fußballs. Abscheulich, was wir gestern zu sehen bekamen. Ein desorientierter Philipp Lahm, dem der Trainer die Lieblingsposition entzogen hat, gerade so, als wolle er ihn ins offene Messer laufen lassen um Gründe zu sammeln, ihn aus dem Team entfernen zu Können. Lahm ist studierter rechter Verteidiger, und zwar von Eckfahne zu Eckfahne. Das System Guardiola auf das Bundesteam zu übertragen ist nicht nur billig, es ist sträflich. Nur einmal konnte Lahm gestern glänzen, als er kurz vor Ende in bester Verteidigermanier einen Torschuss der Amis vereitelt hat. 

Ball halten war oberste Prämisse des Trainers. Was wir gestern gesehen haben, war eine unansehnliche Mixtur aus den Spielkulturen von Ottmar Hitzfeld und Pep Guardiola. Löw fehlt der Mut zu Innovation, so wie gestern ist sein Spiel charakterlos und zum Niedergang verdammt. Er müsste seinen Spielern mehr Entfaltung zugestehen; dass sie guten Fußball spielen können, ist weitreichend bekannt. Deutlich sichtbar wurde gestern mit angezogener Handbremse gekickt. Es sah so aus, als ob der Stratege Löw von seinen eigenen Ideen überrumpelt wurde. Doch welche hat er noch?  Aus dem Spiel war nichts zu erkennen. Sollte der deutsche Fußball auch in Zukunft eine bedeutende Rolle spielen, muss nach der WM der Trainer ausgetauscht werden.

Durch unseren Bundesligavereinsfußball sind wir verwöhnt und geblendet. Doch der gute Fußball der dort mitunter gespielt wird, ist ein Zusammenwirken von einheimischen und in der Mehrzahl ausländischen Balltretern. Im Nationalteam wird deutlich, woran es hapert: es fehlen Matchwinner wie Ribéry, Robben, Lewandowsky, Shakiri und viele andere. Im Anforderungsprofil der Löw-Mannschaft sind solche Reißer nicht gefragt. Nicht weil es sie bei uns gibt - sie passen dem Trainer nicht in den Kram. Unerklärlich.  Götze ist kein Stammspieler, Schürrle sitzt meistens auf der Bank, und Volland hat er erst gar nicht mitgenommen. Nach dem 1:2 Rückstand gegen Ghana hat die Mannschaft bewiesen, dass sie mehr kann als der Trainer zulässt. Es wird Zeit, dass sich der DFB nach einem Nachfolger umsieht. Der Zauber ist raus.

Natürlich könnte man ihm zugutehalten, dass auch die Italiener wegen der verkorksten Taktik ihres Trainers nach Hause fahren müssen. Doch der, ganz Gentleman, hat nach dem Ausscheiden seinen Hut geworfen. Griechenland und die Schweiz halten nun die Farben unseres Kontinents hoch; nicht Italien oder Spanien, die beide an der nicht vorgenommen Feinjustierung ihrer Trainer scheiterten. Die Spielsysteme entwickeln sich immer weiter, und wer sich da auf Bewährtes verlässt, ist verlassen. Im Schweizer Team z.B., und das sieht man beim Absingen der Nationalhymne, gibt es kaum Eigengewächs. Das halbe Nationalteam der Schweiz besteht aus naturalisierten Albanern; wenn Shakiri und Co für ihr Geburtsland antreten würden, hätte die Schweiz ein Problem und Albanien wäre in Brasilien mit dabei. Kann sein, dass unsere rigorose Einwanderungspolitik schädlich für guten Fußball  ist. 

Wie auch immer, jetzt geht es gegen Algerien, ein Team gegen das die Nationalmannschaft noch nie gut aussah. Beide Matches, die bisher ausgetragen wurden, gingen verloren. Zuletzt 1982 mit einem 1:2 bei der WM in Spanien. Nur durch die in der Geschichte verankerte 'Schande von Gijón' wurde den Albanern das Weiterkommen verwehrt. Da ist also noch eine Rechnung offen, die hoffentlich nicht im  Achtelfinale beglichen wird.

Bei aller Schande, die das deutsche Team in den letzten beiden Matches gezeigt hat: wir lieben den Sieg. Egal wie. Nach jedem Spiel unserer Mannschaft verwandelt sich der Kudamm  zu einer türkischen Hochzeitsfeier. Schwarz-rot-gold geschmückte Autokolonnen rasen hupend über den  Berliner Prachtboulevard. Die Polizei versucht dies mit Teilabsperrungen zu behindern, so richtig gelingen tut ihr das allerdings nicht. Natürlich hätte auch ich nichts dagegen, wenn der Brauch bis zum Finale weiter gepflegt werden kann.

Bei soviel Fußball gibt es wenig Platz für die allgemeine Nachrichtenlage: im Kampf gegen die ISIS-Terrorgruppe  greift Syriens Luftwaffe im Irak ein, und fliegt Angriffe auf Stellungen der Radikalen. Der irakische Präsident  begrüßte die Luftangriffe auch auf irakischem Territorium. Das Präsidialamt bemühte sich um die Bildung einer neuen Regierung und setzte die erste Parlamentssitzung seit der Wahl an. Spezialkräfte eroberten die Kontrolle über die Universität von Tikrit zurück. Bei Angriffen südlich von Bagdad gab es 12 Tote. Iran unterstützt den Irak mit Drohnen und Kriegsausrüstung, die USA fliegen Aufklärungsflüge. der krieg hat begonnen.

Beim EU-Gipfel kommt es heute zur Kampfabstimmung.  Großbritanniens Premier David Cameron braucht den Entscheid, um zu Hause seinen Wählern Standhaftigkeit zu demonstrieren. Vehement  wirft er den Partnern vor, sich mit der geplanten Benennung von Jean-Claude Junckers als EU-Kommissionschef zu irren. Es ist kaum zu befürchten, dass England ab morgen nicht mehr in der EU ist. Die Kanzlerin  versprach  Zugeständnissen und am Ende ist alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. 

Heute läuft die Feuerpause in der Ostukraine aus. Die Separatisten wollen mit Vertretern Kiews, Moskaus und der OSZE verhandeln, aber Präsident Petro Poroschenko fordert mehr Unterstützung aus Moskau. Auch der russische Außenminister forderte eine Verlängerung der Waffenruhe. Russland wirft der Nato kritiklose Unterstützung der Ukraine vor. Die Nato verlangt, russische Waffenlieferungen an die Separatisten zu stoppen. Sollte Moskau seinen Einfluss auf die Separatisten nicht geltend machen, droht Obama mit der Erweiterung der Sanktionen.

In Bolivien will sich  die sozialistische Regierung  mit einem symbolischen Schritt von den letzten Spuren der Kolonialherren befreien. Ab sofort läuft die Uhr am Kongressgebäude gegen den Uhrzeigersinn. Außenminister David Choquehuanca sieht dies als logisch, denn eine Uhr auf der südlichen Erdhalbkugel drehe sich genau andersherum als auf der nördlichen Halbkugel. Zudem erwäge man, die Uhren an allen öffentlichen Gebäuden zu verändern. Eine alte Idee, die vor langer Zeit von Via Lewandowsky bereits künstlerisch umgesetzt wurde.

Die 'Berliner Zeitung' hat gestern in Wort und Bild über unsere Jean-Yves Klein Ausstellung berichtet. Nachzulesen im Newsticker unter www.schultzberlin.com

 

Die Vorbereitungsphase von SEOs Museumsshow im Koblenzer Museum Ludwig (23.11.2014 bis 18.1.2015) läuft auf Hochtouren. Gestern informierte sich die Direktorin Beate Reifenscheid auf Berliner Stippvisite über den Zwischenstand. Am Abend sahen sie sich gemeinsam das Deutschlandspiel an. Vermutlich gab es dabei weniger Aufregendes zu sehen. 

Heute macht der Fußball Pause, ein willkommenes Zugeständnis zur Regenerierung. Ab Montag kommen die News aus Asien, weniger Fußball dann, dafür wieder mehr Kultur.

Beste Grüße.

Michael