Michael Schultz Daily News Nr. 706

Michael Schultz Daily News Nr. 706

Berlin, den 23. Juni 2014

Liebe Freunde,

die Fußball-WM beherrscht unseren Alltag, vor allem das Scheitern einiger top-gesetzten Mannschafften. Dazu gehören die Spanier, die Engländer und wahrscheinlich auch die viel stärker eingeschätzten Portugiesen. Nur ein kleines Wunder könnte die Truppe um den Weltstar Ronaldo noch weiterbringen. Dann allerdings müssten die Portugiesen einen hohen Sieg gegen Ghana einfahren und die Amis deutlich gegen uns verlieren. Aber auch die Wundertruppe aus Ghana könnte es noch schaffen, wenn ihnen ein Sieg gegen die Portugiesen gelingt und Deutschland, wie zu erwarten, die US-Truppe abfertigt. Es bleibt spannend, und die WM-Spiele sind ein gutes Gegenmittel für die kalten Frühsommerabende.

Viel diskutiert wird über das Auftreten der internationalen Fußballstars. Es sind die hautengen Trikots des Teams aus Uruguay oder die schrecklichen Tattoos vieler Balltreter, es ist die Haarpracht aber auch die unterschiedlich farbigen Schuhe, die zur Diskussion gestellt werden. In der David Beckham Nach-Ära, der als erster seinen Körper in den Mittelpunkt des Geschehens stellte, genießen viele Spieler Kultstatus und treten auf wie Popstars. Individualisten, die sich auf dem Platz dem System des Trainers unterwerfen. Eine anerkennenswerte Hochleistung.

Große Spannung verspricht die Begegnung Deutschland gegen USA. Dort tritt der einstige Geselle gegen seinen Lehrmeister an. Schon wird gemunkelt, dass sich beide Teams auf ein Unentschieden einigen könnten, was beide weiterbringen würde. Beide Trainer weisen das weit von sich, sollte es tatsächlich unentschieden zu Ende gehen, wird sich die Weltpresse tagelang damit beschäftigen. Hoffen wir also auf einen deutschen Sieg.

Wenn auch Fußball momentan alle wichtigen politischen Themen ein wenig verdrängt, so dreht sich die Welt in gewohntem Rhythmus weiter, es geschehen Dinge, über die es zu berichten gilt: 
Im Westen Iraks baut die muslimische Terrorarmee ISIS ihre Machtposition aus. Dschihadisten haben die Grenzen zu Syrien und zu Jordanien überquert, Jordanien hat Teile seiner Armee mobilisiert. In der westlichen Provinz Al-Anbar brachte ISIS mehrere Orte unter ihre Kontrolle. Irans oberster Führer Ali Chamenei lehnt eine US-Intervention ab; es gehe US-Präsident Barack Obama nur darum, den Irak unter seiner Kontrolle zu behalten. Unterdessen traf US-Außenminister John Kerry zu Gesprächen in Ägypten ein, ein Treffen mit Nato-Außenministern ist geplant. Der EU-Anti-Terrorismus-Beauftragte Gilles de Kerchove geht von einer gezielten Anwerbung von Kämpfern aus Europa aus, mittlerweile sollen rund 300 deutsche Kämpfer für die ISIS-Terroristen kämpferisch aktiv sein. Der Irak ist das beste Beispiel verfehlter US-Politik, sagte dazu der Außenpolitiker Norbert Röttgen gestern Abend bei Günther Jauch, 'sowohl das Eingreifen dort war falsch als auch die spätere Nachsorge'. Ein Desaster, das weitreichende Folgen für die westliche Welt haben kann.
Im syrischen Bürgerkrieg ist erstmals ein israelischer Staatsbürger getötet worden. Ein 15-jähriger Junge starb bei einem gezielten Raketenangriff auf die besetzen Golanhöhen. Weil die Rakete aus Syrien abgefeuert wurde, reagierte die israelische Armee mit einem Angriff gegen syrische Militärstellungen.

Bei uns im Land gibt es ein erstes Aufweichen in der Beziehung zwischen der CDU und Nationalisten der AfD. Beim Tag des Familienunternehmens will der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach gemeinsam mit AfD-Chef Bernd Lucke auftreten. Damit bricht er das von Unionsfraktionschef Volker Kauder ausgegebene Diskussionstabu mit der AfD. Kauder hatte sich gegen eine Kooperation und auch gegen gemeinsame Talkshow-Auftritte mit der AfD gewandt. Wolfgang Bosbach sagte, für ihn sei es unverständlich, dass die Union eine sachliche Debatte mit der AfD scheue und dafür ständig mit Vertretern der Linkspartei diskutiere. Bosbach wird Zeit seines Lebens darüber verärgert sein, dass ihm die Kanzlerin bei der Vergabe der Ministerposten aussparte. Bei jeder Gelegenheit gibt er's ihr zurück. Legendär die Anmache vom einstigen Kanzleramtsminister Pofalla, der dem Dampfplauderer einst ins Gesicht schrie: 'Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen'.

Wie es tatsächlich im Inneren der neuen 'Volkspartei' aussieht, zeigt ein Beispiel aus der Provinz: Ein Kreisverband der AfD vergleicht die wachsende Zahl der Zuwanderer in Deutschland mit der Kolonialisierung Amerikas. Sollte es mit der unqualifizierten und unbegrenzten Einwanderung weitergehen, so der Verband, drohe den Deutschen ähnliches wie den Indianern, denen ihr Land mit Waffengewalt entrissen wurde und die heute in Reservaten leben. Blogger nennen den Vergleich den dümmsten Tweet des Jahres. Unser Oberindianer Bosbach wird‘s schon richten.
 
Moderner muss die CDU werden, nach vorne muss man schauen, so jedenfalls steht es in einem Modernisierungspapier, das Generalsekretär Tauber heute vorlegen will. Tauber regt eine künftige Urwahl eines Kanzlerkandidaten an und will mehr Angebote zur Mitarbeit unterbreiten, um den Mitgliederschwund zu stoppen. Dagegen hält Chef-Haushälter Norbert Barthle, der fürchtet eine Spaltung der Partei mit lang anhaltender Lagerbildung bei Spitzenkandidaturen. Bundestags-Vizepräsident Peter Hintze sieht Mitwirkungsrechte als ein Schlüssel zum Erfolg. Gut aufgestellt waren die Christdemokraten beim Christopher Street Day in Berlin: auf der Schwulen- und Lesbenparade präsentierten sie sich mit einem buntgeschmückten Wagen. Vielleicht sehen wir dort in Zukunft Kanzleramtsminister Altmeier in Ledermontur. Das wäre ne Ansage.

Nichts Gutes über seinen Gesundheitszustand wurde in der vergangenen Woche von Ex-Bundesaußenminister Guido Westerwelle bekannt gegeben. Bei einer Routineuntersuchung wurde eine akute Leukämieerkrankung festgestellt, diese wird jetzt stationär behandelt. Zu wünschen und zu hoffen bleibt, dass eine baldige Genesung eintritt und Westerwelle seine begonnene Freiheit außerhalb von Partei- und Regierungszwängen noch lange genießen kann.

Beste Grüße.

Michael