Michael Schultz Daily News Nr. 697

Michael Schultz Daily News Nr. 697



Berlin, den 10. Juni 2014

Liebe Freunde,

noch sind es zwei volle Tage, und in Brasilien beginnt die Fußball WM. Im Eröffnungsspiel trifft der hohe Favorit Brasilien auf die Mannschaft von Kroatien; auch die spielen guten Fußball, doch die Brasilianer werden trotz des großen Unmuts über die Begleitumstände des Wettturnieres von ihren Fans bis ins Finale getragen werden. Deren Begeisterung stellt den 12. Mann aufs Feld, und mit diesem Vorteil will man bis ins Endspiel kommen, um dann den Titel zu holen. Wenn es nach den Wünschen der Fans in unserem Lande geht, trifft man dann auf die deutsche Mannschaft. Kann gut sein. Das Finale findet am 13. Juli statt, und bis dahin steht der Fußball über allem.

In der Politik werden solche Zeiten gerne genutzt, um unliebsame Entscheidungen zu treffen, weil diese im Jubel des Fußballs untergehen. Gut möglich, dass zu Beginn der Achtelfinale der neue EU Kommissionspräsident bekanntgegeben wird. Und wenn es dann so kommt, darf davon ausgegangen werden, dass Juncker es nicht werden wird. Die Bundeskanzlerin traf beim kleinen schwedischen Gipfel auf die Staatschefs von England, Schweden und den Niederlanden - allesamt Kritiker von Jean-Claude Juncker. Für die Wähler wurden idyllische Momente in Szene gesetzt: alle vier in einem Ruderboot - so geht Europa. Doch die Nachrichten dazu kommen der Wirklichkeit schon näher. David Cameron droht nach wie vor mit dem Austritt, wenn Juncker den Posten bekommt. Er wünscht sich einen Reformer, der von den Länderchefs gesteuert wird. Der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeld will den EU-Kommissionspräsidenten lieber mit den anderen Staatschefs wählen, statt das EU-Parlament entscheiden zu lassen. Der Wählerwille soll wohl nicht berücksichtigt werden. Sollten die Briten Europa tatsächlich verlassen, vermeldet die 'Bild', würde der Wohlstand in Großbritannien um bis zu drei Prozent sinken. Viele wichtige Banken würden das Land verlassen. Aber auch die Deutschen würden darunter leiden: die Engländer sind drittgrößter Importeur deutscher Waren und haben alleine im ersten Quartal 2014 dafür 21,3 Milliarden Euro ausgegeben. Wir wiederum beziehen 10% unserer Ölimporte aus England. Es gibt viele gute Argumente für Europa, und wenn die Politik den Wähler mitnimmt, kann es besser gar nicht kommen.

Zu Hause kritisiert die Kanzlerin ihre Truppenführer. Lautstark ärgert sie sich über Fraktionschef Kauder, der seine Hausaufgaben nicht zur Zufriedenheit der Chefin erledigt. Immer wieder müsse ihm Kanzleramtsminister Altmaier die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen, wie etwa bei den Verhandlungen mit der SPD über den Mindestlohn und die Rente. Auch manche Bildungsministerin Wanka zu wenig aus ihrem Milliardenetat, und Landwirtschaftsminister Schmidt lasse kaum von sich zu hören. Im Hause von Innenminister de Maizière, Merkels ehemaligem Liebling, wurden die Chefs mehrerer Abteilungen ausgetauscht. Der Personalrat klagt über diesen Stil und ist massiv enttäuscht. Die Betroffenen wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, mehrere Spitzenbeamte wollen dagegen klagen. Ein interessanter Blick auf das Psychogramm unserer Regierung.

Wenn auch nicht ganz freiwillig, aber immerhin raus aus dem ganzen Dickicht von Beobachtungen, Unterstellungen und Heucheleien ist Ex-Präsident Christian Wulff. Heute stellt er in Berlin sein Buch vor: In "Ganz oben, Ganz unten" schildert er auf 264 Seiten seine Sicht der Affäre, die zu seinem Rücktritt geführt hatte. Im Februar erst wurde er vom Vorwurf der Bestechlichkeit und Vorteilsnahme vom Landgericht Hannover freigesprochen, die Staatsanwaltschaft Hannover wird aber möglicherweise Revision einlegen. Vize-Bundestagspräsident Peter Hintze erwartet "einen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte". Wir sind gespannt.

In den kommenden zwei Wochen zeigt sich der Kunstmarkt noch einmal von seiner besten Seite, bis zum Saisonfinale mit der 'Art Basel' (18. Bis 22. Juni) geschieht noch einiges. Morgen, zum Beispiel, wird in der Dresdner Kunsthalle unter dem Titel 'Die Entdeckung von Calcium und Magnesium' eine Ausstellung des Kölner Malers Peter-Arnold Fritze eröffnet. Seine meist an historischen Vorlagen orientierte, aber dennoch in perfekter eigener Bildsprache formulierte Bildwelt, gilt als Neuentdeckung und Geheimtipp. Die Wiederentdeckung der Neuen Sachlichkeit als Impulsgeber für eine neue Epoche auf dem Kunstmarkt eröffnet sich. P.A. Fritze erweitert mit seinem magischen Realismus die Spielräume in der metaphysischen Malerei. Seine tiefgründig-traumhaft surrealen Motive stehen distanziert auf dem Bildträger und vermitteln eine völlig entrückte Beziehung zwischen Künstler und Werk. Das schafft große Freiräume zur Gestaltung eigener Bildinterpretation. (Kunsthalle Dresden, Eröffnung Mittwoch den 11. Juni um 18.30 Uhr, Eröffnungsrede Dorothea Baer-Bogenschütz, Ausstellung bis zum 26. Oktober)


 

P.A. Fritze: Aus Die Entdeckung von Calcium und Magnesium; Abb. 'Dame Jade mit G.'

Nach ihren diesjährigen Ausstellungen in New York und Istanbul steht für Rebecca Raue mit Wien eine weitere Weltmetropole als Ausstellungsort zur Verfügung. Am Donnerstag eröffnet die auf junge Positionen spezialisierte Galerie Peithner-Lichtenfels mit dem Titel 'unterdenken!' Die Wiener mögen ihre poetischen Versatzstücke. Auf der alljährlich im Herbst stattfindenden 'Viennafair' gehört die Kunst von Rebecca Raue zu den begehrtesten Ausstellungsstücken (Sonnenfelsgasse 6, A - 1010 Wien vom 12. Juni bis zum 12. Juli), doch nicht nur zur Besichtigung ihrer Ausstellung lohnt sich der Trip nach Wien: die Wiener Kunsthalle zeigt zurzeit die Isa Genzken Show: 'I'm Isa Genzken. The Only Female Fool'. In ihr setzt sich Genzken thematisch mit der Architektur und dem Raum als soziale Sphäre der vergangenen vier Jahrzehnte auseinander. Die Ausstellung ist bis zum 7. September zu sehen.

Am Wochenende eröffnen wir mit Jean-Yves Klein und Shay Kun zwei bisher bei uns noch nicht gezeigte Positionen. Doch dazu in den nächsten Tagen mehr.

Schlussendlich müssen wir heute noch mal auf den Fußball kommen: die englische 'Sunday Times' veröffentliche in ihrer jüngsten Ausgabe einen Bericht über Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe des Wüstenstaates Katar als Austragungsort für die Fußball WM im Jahre 2022. Es geht um Bestechung und den Kauf von Stimmen. In diesem Zusammenhang wird auch der Name von Franz Beckenbauer genannt. Noch ist nichts Genaues bekannt. Vielsagend kommentierte der ehemalige DFB Präsident Theo Zwanziger dieses Thema: 'Ich bin stolz auf unsere Freundschaft, aber ich weiß auch, dass Franz Beckenbauer auch Geschäftsmann ist.' Damit ist eigentlich schon alles gesagt - gönnen wir's ihm.

Beste Grüße und bis morgen aus Dresden.

Michael