Michael Schultz Daily News Nr. 694

Michael Schultz Daily News Nr. 694

Berlin, den 5. Juni 2014

Liebe Freunde,

die politische Berichterstattung, beklagt Bundestagspräsident Lammert, stehe unter einem zunehmenden Aktualitätsdruck. Es sei 'geradezu deprimierend' zu beobachten, wie die Gründlichkeit immer häufiger dem rasanten Tempo zum Opfer falle. So der CDU Politiker auf einer Verlegerkonferenz, die gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung zu 65 Jahren Pressefreiheit im Grundgesetz abgehalten wurde. Der Vorzug von Bildern gegenüber Texten bereite ihm genauso Sorgen, wie das Verhältnis zwischen Schlagzeilen und Analysen, aber auch der Vorrang zwischen Personen und Sachverhalten.

Unberücksichtigt bei seinen Überlegungen scheint zu sein, dass die enorm auf uns einströmende Informationsflut den Journalisten oft keine andere Wahl lässt. Sie müssen auf den Punkt kommen - in der Kürze liegt die Würze. Hinzu kommt, dass das  in immer engeren Intervallen aufkommende Wechselbad von Meinungsänderungen, gerade bei den Politikern,  schnelle Reaktion in den Reduktionsstufen erfordert. Weil wir uns unsere politische Meinung mittlerweile selber bilden, haben sich unsere Lesegewohnheiten radikal verändert: ein schneller Blick auf die Übersicht trennt die Spreu vom Weizen. Bei Themen die von Interesse sind, gehen wir in die Tiefe. Die Internetportale haben sich diesem Wandel gut angepasst, und bieten in bester Übersicht ausreichend Möglichkeiten zur Selektion. Die Auflagen der gedruckten Exemplare sind rückläufig; bestenfalls stagnieren sie. Zuwachs dürfen nur wenige Zeitungshäuser berichten. Beispielhaft für den schleichenden Untergang von Zeitungsverlagen ist die vom Ende bedrohte Münchner 'Abendzeitung'. Einst das Blatt der Reichen und Schönen, gehörte die 'AZ' zu den Mitgestaltern eines Münchner Zeitgeistes, der als 'Bussi Bussi'-Society in die Geschichte einging.  In 'Kir Royal' setzte ihr Franz Xaver Kroetz ein unvergessliches Denkmal. 

Doch zurück zu Thema: schnelle Reaktion erfordert einen angenehmen Sinneswandel unserer Kanzlerin. Zwar droht sie zum Auftakt  des G7-Gipfels in Brüssel mit weiteren Sanktionen gegen Russland. Angela Merkel sagte aber auch, dass die Staats- und Regierungschefs darüber beraten wollen, wie die Gespräche mit Russland zur Bewältigung der Ukraine-Krise weitergehen können. Zudem gehe es darum, die nahezu bankrotte Ukraine zu stabilisieren; die Europäische Union hat sich bereiterklärt, eine Geberkonferenz  zu organisieren, ein Koordinierungstreffen könnte laut Kommissionspräsident Barroso bereits im Juli stattfinden. Unterdessen gewährt Russland der Ukraine einen weiteren Tag Frist, um die noch ausstehenden Gasschulden zu begleichen. Bis kommenden Dienstag müssen 1,5 Milliarden Dollar beglichen werden. Heute will sie in Berlin mit dem neugewählten ukrainischen Präsidenten Poroschenko zusammenkommen. Anlässlich einer Pressekonferenz stellte die Kanzlerin die Diplomatie in den Vordergrund ihrer weiteren Bemühungen. Auch im Streit um die Neubesetzung des Kommissionspräsidenten setzt sie wieder auf Juncker; allerdings müssten die Bedürfnisse der Engländer dabei berücksichtigt werden. Bekanntermaßen wird Wahlsieger Juncker von den Briten entschieden abgelehnt. Wie das gehen soll, steht noch in den Sternen; Chefdiplomat und Außenminister Steinmeier (SPD) solls richten.

Das Hickhack unserer Regierung macht sich in den aktuellsten Umfragen bemerkbar: wären am kommenden Sonntag Wahlen würde lt. 'Stern' die eurokritische AfD auf 8% kommen, CDU 38%, SPD 23%, Grüne und Linke je 10% und die FDP verharrt bei 4%. So mancher Berliner Politstratege sehnt sich nach schneller Rückkehr der Liberalen in den Bundestag. Der Zuspruch zur nationalistisch ausgerichteten AfD bereitet vielen, besonders in der CDU, große Kopfschmerzen. In der Götterdämmerung, am Ende von Richard Wagners 'Ring', verheißt die Sage nichts Gutes: '...ein rächender Fluch nagt meiner Fäden Geflecht'.  

Good News gibt es aus Istanbul: die vergangene Woche zu Ende gegangene Ausstellung von Rebecca Raue in der Bauart Galerie erlebte ein für türkische Medien enormes Presseecho. Das Szenemagazin 'Time Out' widmete zwei volle Seiten, und im angesagten Global Art und Design Magazin  'artam' wurde in prominentem Umfeld mit Bild und Text auf die Ausstellung hingewiesen. Beide Texte sind ab Nachmittag im Newsletter auf unserer Homepage nachzulesen. 

Billiges Geld an den Kapitalmärkten kommt immer mehr dem Kunstmarkt zugute. Beim New Yorker Auction Spring Festival wurden für die Zeitgenossen mehr als anderthalb Milliarden Dollar genehmigt. Aber auch auf den Frühjahrsveranstaltungen deutscher Auktionshäuser wurde am vergangenen Wochenende gut zugeschlagen; immer deutlicher verdrängt die Kunst traditionelle Anlageformen. Wenn heute wie angekündigt der Leitzins noch weiter nach unten gedrückt wird, profitiert in erster Linie der Kunstmarkt von dieser Maßnahme. Erfreulich aus unserer Sicht sind die  Auktionsplatzierungen von Cornelia Schleime: bei Lempertz in Köln wurde ein wahrliches Meisterwerk versteigert. Der Käufer musste dafür rund 25.000 Euro auf den Tisch legen. In der Nachbarschaft bei van Ham kostete ein Kleinformat den Erwerber immerhin noch knappe 13.000 Euro. Ab 10. Oktober dieses Jahres werden im Musée d'Art Moderne in St. Etienne in einer retrospektiv angelegten Ausstellung ausschließlich Kunstwerke auf Papier gezeigt. 

Morgen eröffnet das Polnische Institut in Düsseldorf die Ausstellung 'Felder II' von Stephan Kaluza. Gezeigt wird die Fortsetzung seines Schlachtfeld Zyklus', in dem er den heutigen Zustand der einstigen  Spielstätten verheerender kriegerischer Auseinandersetzungen festgehalten hat. Im zweiten Teil richtet sich der Fokus auf Buchenwald, Auschwitz aber auch auf den Ort am Obersalzberg, zu dem sich einst Hitler zur Ausarbeitung seiner Wahnfantasien zurückgezogen hat. Heute eine idyllische Wiese, die kaum noch an die Gräuel vergangener Zeit erinnert. Kaluza will mit dieser Dokumentation nicht an die traurige Berühmtheit dieser Orte erinnern, er hinterfragt ein Bewusstsein von Zeit und Vergessen. Citadellstraße 7, 40213 Düsseldorf, Di + Mi 11.00 - 20.00 Uhr
Do + Fr 11.00 - 17.30 Uhr, bis 22. August)

Für alle, die über Pfingsten in Regensburg ihre Zeit verbringen, empfiehlt sich der Blick ins 'Kunstkabinett'. Unter dem Motto: 'Zwischen Himmel und Erde' arbeiteten sich vier Malerinnen am Ruheraum ihrer Emotionen ab. Eine anregende Begegnung unterschiedlicher Temperamente. Gezeigt wird auch Atelierfrisches von Monika Sigloch; Seestücke und Rückenakte, die dem Ausstellungstitel wahrlich entnommen wurden. Iris Wöhr-Reinheimer beschwört in ihrer 'kleinen Prinzessin' die Melancholie des Erwachsenwerdens. Träume eben, die zwischen 'Himmel und Erde'  entstehen. nur dort. (Untere Bachgasse 7, 93047 Regensburg
Dienstag mit Freitag 11:00 - 18:00 Uhr
Samstag 10:00 - 14:00 Uhr, bis 29. Juli)

Bis morgen.

Michael   

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