Michael Schultz Daily News Nr. 693

Michael Schultz Daily News Nr. 693



Berlin, den 4. Juni 2014

Liebe Freunde,

Millionen und aber Millionen Euros werden alljährlich für die Erforschung unserer Lebensgewohnheiten ausgeben. Gut getarnt und unter dem Gattungsbegriff 'Meinungsforschung' wird  erspäht, womit die Auftraggeber Stimmung und letztlich Kasse machen können. Besonders aktiv sind die Streichfetthersteller: mal ist es die Butter die uns Deutschen am besten schmeckt, dann wieder die Margarine. Seit Jahren schon werden in wechselndem Rhythmus diese Ergebnisse bekannt gegeben. Die 'Studien' werden so angelegt, dass die Wünsche der Auftraggeber im Ergebnis erscheinen. Ähnlich ist es bei den Parteienforschern, deren Wahlprognosen sind nicht selten am Profil der Auftrag gebenden Parteien errechnet. Berühmt berüchtigt waren in früheren Tagen die CDU-Vorhersagungen des Allensbacher Instituts; immer der Zeit voraus wurden mindestens drei Prozentpunkte obendrauf gerechnet. Damit wurde eine positive Stimmung suggeriert, und mit deren Hilfe die Mobilisierung der Mitläufer angeheizt. 

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Auswertung der Marktspione ist willkommenes Füllmaterial der Zeitungsverlage; so manches Wochenblatt füllt sich ausschließlich aus deren vorgefertigten Berichten. Verwirrung entsteht, wenn an den selben Tagen die deutschen Wirtschaftsbosse verkünden, dass sie wegen der schlechten Auftragslage Teile ihrer Geschäftstätigkeit ins Ausland verlagern wollen, anderseits gleichzeitig bekannt gegeben wird, dass eben diese deutsche Wirtschaft auch weiterhin kräftig zulegt. Zwei unterschiedliche Institute mit gegenteiligen Einschätzungen. Bei den Umfragen kommt es auf die Fragestellung an, in ihr ist das Wunschergebnis bereits eingearbeitet.

Wie es wirklich in unserem Land aussieht, damit haben sich unlängst die 'Bild am Sonntag' und der 'Stern' beschäftigt. Während die 'Bild'-Macher der Frage nachgehen: 'Was stimmt nicht mit uns Deutschen', titelt der 'Stern' in seiner aktuellen Ausgabe vielsagend: '100 Gründe Deutschland zu lieben'. Mit plakativen Parolen wird uns erzählt, was da so mit uns los ist. 

'Bild' stellt fest, dass 'wir Deutschen uns zwar für pflichtbewusst halten, aber doppelt so oft krank sind wie z.B. die Briten'. 'Wir wollen Kinder, aber unser Leben nicht verändern'. 'Wir lieben Reihenhäuser, verklagen aber immerzu unsere Nachbarn', und 'Wir sind alle für Kultur, aber kaum einer geht ins Theater'. Anscheinend sind wir ein unentschlossenes 'Ja, aber Volk'. Wir wollen alles und das sofort, und verzichten wollen wir schon gar nicht. Da ist was dran. Weil die Wahrheit jedoch immer ein wenig schmerzhaft ist, versöhnt 'Bild' im selben Atemzug und stellt die Vorzüge unseres Landes vor: Bei uns muss keiner verhungern, wir werden Fußballweltmeister, bei uns gibt es vier Jahreszeiten, auch den Tatort. Wir lieben unsere Currywurst, Goethe, Schiller und Lessing, aber auch Karl Lagerfeld und Hildegard Knef, und wir haben den Buchdruck erfunden. Schlussendlich gibt es bei uns die Meinungsfreiheit. Ja, ohne diese stünde so mancher Stuss nicht in den Zeitungen.

Nicht weniger differenziert geht der 'Stern' vor: unter den hundert Gründen unser Land zu lieben, wird auf Position 2 zum Besten gegeben: 'Weil wir schon 1896 festgelegt haben, dass ein Fußballfeld baumfrei sein muss.' Das muss man sich erst mal reinziehen. Lieben dürfen wir uns auch, 'weil wir den Schrebergarten erfunden haben', weil wir 'die Zahnpasta und die Gummibärchen erfunden haben', aber auch 'weil wir so romantisch sind'. Zur Sache kommt der 'Stern' gegen Ende seiner Tabelle: 'Unzufriedenheit ist unser Erfolgsgeheimnis'. Deutschland sei kein Zustand, sondern ein rastloser Suchprozess, erforschten die Psychologen vom Marktforscher Rheingold. Wer nicht zufrieden ist, will,  dass sich was ändert. 'Diese Unruhe' so der 'Stern', 'treibt uns in die Baumärkte - und zu Höchstleistungen, Erfindungen und Ingenieurskunst'. 

Wir Deutschen vermissen unsere Heimat erst dann, wenn wir ganz weit weg sind; wieder zu Hause zieht es uns in die Ferne. Auch das haben die Marktforscher erkundet. Der erste Teil der These könnte von den heimischen Hotelbesitzern in Auftrag gegeben worden sein, und der zweite von den Anbietern der Fernreisen. Es passt immer alles, und so gesehen geht es uns eigentlich doch ganz gut.

In der Variabilität unserer Gefühlswert liegt das Geheimnis: je nach Stimmung suchen wir uns in der Vielfalt des Angebots einen Ankerplatz. und, solange uns die Institute mit immer neuen Ergebnissen bedienen, kann eigentlich nicht viel passieren. Bloß nicht zaudern - zugreifen.

In diesem Sinne beste Grüße.

Michael